Plattenladenwoche 2012
 
 
  
 
 
 
 
 
 
  
  
  
  
  
  
 
 
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Coldplay
 
 
Mylo Xyloto
 
 
 

Bunte Graffitis, rebellische Parolen und ein wild entschlossener, kämpferischer Blick, wie ihn selbst The Clash nicht besser hinbekommen hätten: Auf ihrem fünften Album geben sich Coldplay als große Visionäre, die nicht nur die Rock-Musik, sondern auch die Welt retten wollen. Mindestens.

Wofür die vier Mittdreißiger eigens eine alte Kirche im vornehmen Londoner Stadtteil Hampstead in ein hypermodernes Tonstudio verwandelt („The Beehive“), mit Markus Dravs (Björk, Depeche Mode, Arcade Fire) einen der angesagtesten Produzenten der Gegenwart verpflichtet, Altmeister Brian Eno als „Berater und Zauberer“ (O-Ton Chris Martin) hinzugezogen und fast zwei Jahre an Musik und Text gebastelt haben. Arbeitsvorgabe: Etwas zu schaffen, das in keine Schubladen passt, sondern ein echtes Novum darstellt. „Was in der heutigen Zeit allein deshalb schwierig ist, weil es nichts gibt, was nicht schon probiert worden wäre“, so Chris. „Aber wir dachten uns: Wenn wir schon solchen Aufwand betreiben und uns von unseren Zeitgenossen absetzen wollen, müssen wir auch etwas Besonderes machen bzw. es zumindest versuchen.“

Ein hoher Anspruch - mit monumentalem Ergebnis: Nämlich ein Album, dessen 14 Songs in mehrfacher Hinsicht Maßstäbe setzen. Sei es mit einem spannenden Wechselspiel aus akustischen und elektronischen Sounds, opulenten Orchesterarrangements, fetten HipHop-Beats, kantigen Gitarrenriffs sowie sphärischen Synthesizerklängen. Aber auch lupenreinen Ohrwürmern à la „Major Minus“, „Don´t Let It Break Your Heart“, „Every Teardrop Is A Waterfall oder „Charlie Brown“, die über epische Refrains, einen visionären Breitwandsound und geballten Pathos verfügen. Sprich: Musik zum Eintauchen und intensiven Miterleben. Wie Kino – nur für die Ohren.

Dazu kommt eine übergeordnete Geschichte: Eine Liebe in Zeiten, da individuelle Freiheit durch staatliche Willkür eingeschränkt ist, da Kriege, Notverordnungen und Überwachung herrschen. Was eine klare Gesellschaftskritik am modernen Amerika, aber auch an Großbritannien und Kontinentaleuropa ist. Wobei sich Chris vor allem von der HBO-Serie „The Wire“, Cormac McCarthys Bestseller „The Road“ und der „Weiße Rose“-Bewegung der Geschwister Scholl beeinflusst sieht: „Es geht um starke Charaktere, die bereit sind, für ihre Überzeugung zu sterben. Was ich sehr inspirierend finde – auch, wenn wir selbst nie soweit gehen würden.“

Dafür haben sie mit 'Mylo Xyloto' einen Albumtitel erfunden, der zwar schwer auszusprechen ist, aber genau das zusammenfasst, worum es Coldplay mit diesem Album geht: Individualität. Abgrenzung. Andersartigkeit. Eben nicht das zu tun, was eine sichere Chartplatzierung und volle Hallen garantiert, sondern auch mal volles Risiko zu gehen, zu experimentieren, und seine eigene Duftnote zu hinterlassen. Was dieses Werk zum echten Manifest macht – und seine Songs zu fiesen Kreativ-Viren, die hoffentlich viele Künstler infizieren. Denn: Gegen den Strom zu schwimmen, klingt einfach besser!

 
 
(Marcel Anders)
 
 
 
 
 
 
VÖ Datum:
21.10.2011
 
 
EAN Code:
5099908755322
 
 
Artikelnummer:
0875532